Lexikalische Inferenz vs. Skalare Implikatur (LISI)

Dieses Projekt ist eine Fortsetzung des Projekts “SSI: The Strength of Scalar Inference: From Numbers to Strong Disjunction”

Das Gricesche Konzept der Implikatur setzt eine Unterscheidung zwischen pragmatisch abgeleiteter und lexikalisch definierter Bedeutung voraus. Diese Unterscheidung ist zentral für alle Theorien der Implikatur, die genaue Abgrenzung bleibt aber schwierig und oft umstritten. Ein Beispiel sind Analysen der skalaren Implikatur über stille Exhaustifikationsoperatoren in der Syntax. Bei einer solchen Analyse tragen sowohl lexikalischer Inhalt als auch Implikatur zu den Wahrheitsbedingungen bei, was weniger Unterschiede zwischen den beiden Bedeutungskomponenten erwarten lässt, beispielsweise hinsichtlich ihrer Verarbeitung, Tilgbarkeit oder Einbettbarkeit. Gleichzeitig verstärkt die größere Mächtigkeit einer Exhaustifikationsanalyse die Notwendigkeit, die Unterscheidung zwischen lexikalischer und abgeleiteter Bedeutung und die Beschränkungen der Exhaustifikationsmechanismen besser zu verstehen, um Übergenerierungen zu vermeiden. Dieses Projekt widmet sich einer Vielzahl von Fällen, die für die Unterscheidung von lexikalischer Bedeutung und Implikatur zentral sind. Wir untersuchen vier typologisch unterschiedliche Sprachen aus theoretischer und experimenteller Perspektive. Außerdem vergleichen wir die Alternativenmengen, die für Quantitätseffekte und für Effekte der Art und Weise benötigt werden. Die empirischen Ergebnisse werden uns in die Lage versetzen, eine neue Theorie der skalaren Alternativenmengen und der Exhaustifikation zu entwickeln. Unsere Arbeitshypothese ist dabei, dass die mit einer Bedeutungskomponente verbundene Alternativenmenge mit einem bestimmten psycholinguistischen Profil zusammenhängt, das über die Interpretation und Ableitung dieser Bedeutungskomponente identifiziert werden kann.

Genauer gesagt postuliert die Arbeitshypothese drei Kategorien von Bedeutungskomponenten: A) lexikalische Bedeutung, die unabhängig von der Alternativenmenge ist, B) starke Implikaturen, die nur von Subkonstituenten und numerischen Alternativen abgeleitet werden, und C) schwache Implikaturen, die auf lexikalischen Skalen wie der „einige“-„alle“-Skala beruhen. Diese Hauptthese wird mit Hilfe von acht offenen empirischen Fragen überprüft werden: 1) Können alle Fälle von Free-Choice-Disjunktion pragmatisch erklärt werden? 2) Ist Priming von Free-Choice-Inferenzen durch andere Arten von Implikaturen möglich, und wenn ja, durch welche? 3) Weisen Konnektive mit variabler Stärke im Warlpiri oder im Japanischen das psycholinguistische Profil anderer Implikaturen auf? 4) Gilt dies für modale Ausdrücke mit variabler Stärke im St’at’imcets? 5) Wann werden Free-Choice-Effekte von indefiniten Ausdrücken von Kindern erworben? 6) Wann wird die variable Stärke von Konnektiven von Kindern erworben? 7) Welche Phänomene können nicht-lokale Implikaturen und Implikatur-Tilgung auslösen, wenn sie unter nicht-monotonen logischen Operatoren eingebettet werden? 8) Zeigen skalare Implikaturen und Effekte der Art und Weise mit gleichen Alternativen das gleiche Verarbeitungsprofil? Durch die Bearbeitung dieser acht empirischen Fragen werden wir wichtige neue Evidenz für die Kontroverse zwischen lexikalischer und implikaturbasierter Bedeutung schaffen, mit deren Hilfe wir unsere Arbeitshypothese verfeinern können.