Sehen und Hören in Verbindung – was Bouba und Kiki über die Sprachevolution verraten

17.11.2021

Pressemitteilung: Sehen und Hören in Verbindung – was Bouba und Kiki über die Sprachevolution verraten

Es ist ein klassisches Experiment der Gestaltpsychologie: Wir nehmen Ähnlichkeiten zwischen der lautlichen Form von Wörtern und der geometrischen Form von Figuren wahr. Aber gilt das nur für das Deutsche und andere europäische Sprachen? Ein internationales Forscherteam unter der Leitung des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin hat für 25 Sprachen auf der ganzen Welt nachgewiesen: Der Bouba-Kiki-Effekt ist weit verbreitet. Und er könnte Aufschluss über einen wichtigen Aspekt der Entstehung der menschlichen Sprache geben.

Wenn man Personen eine runde und eine eckige Form vorlegt und sie fragt, welche davon „Bouba“ ist, geben die meisten die runde Form an, während sie bei „Kiki“ auf die eckige weisen. Das Phänomen wurde erstmals von Wolfgang Köhler in seinem klassischen Werk über Gestaltpsychologie aus dem Jahr 1929 beschrieben (ursprünglich mit den Wörtern „baluba“ und „takete“). Seitdem ist der Bouba/Kiki-Effekt Gegenstand zahlreicher psychologischer Studien, die zu verstehen versuchen, wie und warum Menschen Entsprechungen zwischen verschiedenen Wahrnehmungsmodalitäten erkennen.

Ist das nur eine Eigenart des Deutschen oder anderer europäischer Sprachen? Vielleicht denken wir bei „Bouba“ an „Ball“, oder sehen das Runde in den Buchstaben „B“ und „O“. In der Tat wurden die meisten Untersuchungen zum Bouba/Kiki-Effekt mit Versuchspersonen durchgeführt, die europäische Sprachen sprechen und mit dem lateinischen Alphabet schreiben.

Der Bouba/Kiki-Effekt könnte aber auch auf die Ursprünge der gesprochenen Sprache zurückgehen. Vielleicht wurden Ähnlichkeiten von Lautäußerungen und Bedeutungen von unseren Vorfahren genutzt, um auf die Dinge in der Welt hinzuweisen. Solche Übereinstimmungen können auch für die Entwicklung neuer Wörter in abgewandelter Form benutzt worden sein, da sie mit größerer Sicherheit verstanden wurden. Entscheidend für die Bewertung dieser Hypothese ist, wie verbreitet der Effekt ist. Ist er auf die deutsche oder englische Sprache beschränkt? Oder ist er universell?

Um das herauszufinden führten 22 Wissenschaftler aus zwölf Ländern unter der Leitung von Aleksandra Ćwiek vom Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) einen Test mit Versuchspersonen von 25 Sprachen durch, die neun Sprachfamilien und zehn verschiedene Schriftsysteme repräsentieren, unter anderem Ungarisch, Japanisch, Farsi, Georgisch und Zulu. Die Ergebnisse zeigten, dass die meisten, unabhängig von Sprache und Schriftsystem, den Effekt zeigen und „Bouba“ mit der runden Form und „Kiki“ mit der eckigen Form verbinden.

Susanne Fuchs, Ko-Autorin und Leiterin des Forschungbereiches „Laborphonologie“ am ZAS, kommentiert: „Einerseits hatte ich erwartet, dass die Formen der Buchstaben und Zeichen in den verschiedenen Schriftsystemen einen größeren Effekt aufweisen. Andererseits ist die Schrift viel später entstanden als die gesprochene Sprache. Dass der Bouba/Kiki Effekt auch unter Berücksichtung der Schrift trotzdem noch bestehen bleibt, spricht für seine Robustheit und mögliche Rolle in der Sprachevolution“.

Es gab jedoch auch Ausnahmen: So nahmen beispielsweise Personen mit Rumänisch, Türkisch und Mandarin als Muttersprache oft die entgegengesetzte Zuordnung vor. Es bleibt zu klären, was die Ursache für diese Fälle ist. Eine Möglichkeit ist, dass diese Sprachen echte Wörter enthalten, die ähnlich wie „Bouba“ und „Kiki“ klingen, aber gegensätzliche Bedeutungen haben. Betrachtet man die Ergebnisse jedoch in ihrer Gesamtheit, so scheinen diese Fälle eher Ausnahmen zu sein, die die Regel bestätigen.

Die Ergebnisse deuten jedenfalls darauf hin, dass der Bouba/Kiki-Effekt bei der Mehrheit der Menschen auf der ganzen Welt auftritt, und liefern damit den bisher stärksten Beweis dafür, dass die Klang-Form-Zuordnung, jedenfalls in diesem Fall, über Kulturen und Schriftsysteme hinweg stabil ist. Die Studie unterstützt damit auch die Möglichkeit, dass unsere Vorfahren Korrespondenzen zwischen Sprachlauten und visuellen Eigenschaften genutzt haben könnten, um einige der ersten Wörter zu bilden. Aleksandra Ćwiek sagt dazu: „Diese weit verbreitete Beziehung zwischen Klang und Form lässt mich nur vermuten, wie viele andere Beziehungen auf verschiedenen Modalitäten unsere Sprache in ihren Anfängen geprägt haben könnten“. Heute, viele tausend Jahre später, ist die wahrgenommene Rundheit des deutschen Wortes „Ball“ vielleicht doch kein Zufall.

An der Studie waren folgende Einrichtungen beteiligt: Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin, Deutschland und University of Birmingham, Großbritannien sowie Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland; Ludwig-Maximilians-Universität, München, Deutschland; University of Tartu, Estland; Université Lumière Lyon 2, Frankreich; University of Helsinki, Finnland; Keio University, Tokyo, Japan; Universität Bielefeld, Deutschland; University of Wisconsin-Madison, USA; Konkuk University, Seoul, Süd Korea; Agnes Scott College, Decatur, USA; CNRS & Aix-Marseille Université, Aix-en-Provence, Frankreich; CNRS & Sorbonne Nouvelle, Paris, Frankreich; Universidade Federal do Paraná, Brazil; University of Southern Denmark, Odense, Dänemark; Hungarian Research Centre for Linguistics, Budapest, Ungarn; Istanbul Medipol University, Istanbul, Türkei und University of KwaZulu-Natal, Durban, Südafrika

Pressekontakt für das ZAS:
Dr. Fabienne Salfner
salfner@leibniz-zas.de
Tel: +49 176 27805112

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Aleksandra Ćwiek
Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin
cwiek@leibniz-zas.de

Originalpublikation:

Aleksandra Ćwiek, Susanne Fuchs, Christoph Draxler, Eva Liina Asu, Dan Dediu, Katri Hiovain, Shigeto Kawahara, Sofia Koutalidis, Manfred Krifka, Pärtel Lippus, Gary Lupyan, Grace E. Oh, Jing Paul, Caterina Petrone, Rachid Ridouane, Sabine Reiter, Nathalie Schümchen, Ádám Szalontai, Özlem Ünal-Logacev, Jochen Zeller, Bodo Winter, and Marcus Perlman, 2021 ‘The bouba/kiki effect is robust across cultures and writing systems.’ Phil. Trans. R. Soc. B 377: 20200390. https://doi.org/10.1098/rstb.2020.0390