Berliner Wissenschaftler: Migranten sollten mit ihren Kindern die Muttersprache sprechen

21.02.2014

Die Ergebnisse sind eindeutig und alarmierend: die Deutschkenntnisse von Grundschülern werden trotz umfangreicher Fördermaßnahmen immer schlechter. Weil inzwischen fast jedes zweite Kind in Berlin einen Migrationshintergrund hat, wird immer wieder die Forderung erhoben, dass Migranten zu Hause mehr Deutsch sprechen sollten.

Dabei hat die Wissenschaft längst das Gegenteil bewiesen: es ist gut, wenn Eltern mit ihren Kindern die Sprache sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Wenn Migranten mit ihren Kindern Deutsch anstelle ihrer Herkunftssprache sprechen, verschlechtert sich die Herkunftssprache bei den Kindern, ohne dass sich die Deutschkenntnisse verbessern. Das belegt eine Studie mit russischsprachigen
Kindern, durchgeführt am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) in Berlin. Außerdem kann eine schlechte Kenntnis der Herkunftssprache bei den Kindern langfristig zu Identitäts- und Beziehungsproblemen in der Familie führen.

Spracherwerb beginnt am Wickeltisch. Für Kinder ist es wichtig, dass sie möglichst früh eine qualitativ und quantitativ hochwertige sprachliche Umgebung haben. Dieses Ziel lässt sich am besten dadurch erreichen, dass die Eltern in der Muttersprache und die Erzieher auf Deutsch mit den Kindern sprechen. Der regelmäßige Besuch einer Kindertageseinrichtung ist besonders wichtig, um genügend sprachlichen Input im Deutschen sicherzustellen.

Bilinguale Kinder können in der Sprachproduktion häufig oberflächliche Ähnlichkeiten mit mono-lingualen Kindern mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen zeigen. Da die üblichen Sprachtests für mono-linguale deutschsprachige Kinder ausgerichtet sind, kommt es häufig zu Fehldiagnosen und als Konsequenz zu falschen Fördermaßnahmen.

Diese Zusammenhänge erforscht der Berliner Interdisziplinäre Verbund für Mehrsprachigkeit (BIVEM); 2011 vom ZAS Berlin initiiert und mit Unterstützung des Berliner Senats ins Leben gerufen. Derzeit wird untersucht, welche Sprachfördermaßnahmen bei jüngeren  Migrantenkindern überhaupt sinnvoll sind, da die bisher eingesetzten offensichtlich bei hohen Kosten nicht effektiv genug sind.

Am 26. März findet in der Französischen Friedrichstadtkirche die ZAS-Veranstaltung: “Das mehrsprachige Klassenzimmer: Wie viel Deutsch braucht ein Berliner Schulkind?” statt.

Kontakt:
Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, www.zas.gwz-berlin.de, Tel. (030) 20192-506
Manfred Krifka, krifka@zas.gwz-berlin.de
Natalia Gagarina, gagarina@zas.gwz-berlin.de
Insa Gülzow, guelzow@zas.gwz-berlin.de