Relative Maßangaben und die DP-Grenze (DP Border)

Die Syntax-Semantik-Schnittstelle betrifft die Beziehung zwischen der syntaktischen Struktur von Sätzen und deren logischer Form. Da die beiden grob übereinstimmen, können besonders Diskrepanzen Einsichten in die mentalen Mechanismen für die Strukturierung und Interpretation von Sätzen geben. Während der Großteil der Forschung zur Syntax-Semantik-Schnittstelle mit Sätzen befasst ist, untersucht dieses Projekt Nominalphrasen (DPs). Genauer gesagt befasst es sich mit möglichen Diskrepanzen an der DP-Grenze, bei denen Ausdrücke zwar syntaktisch, nicht aber semantisch zur DP zu gehören scheinen. Zu den relevanten Phänomenen, die in der Forschung bereits untersucht worden sind, gehören Quantoren-Floating, nicht-lokale Interpretationen von Adjektiven, ereignis-bezogene Quantifikation und fokussensitive Quantifikation. Zusätzlich untersuchen wir kürzlich entdeckte Daten zu relativen Maßangaben wie „Prozent“ oder „dritt“. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen Sprachen und sogar zwischen deutschen Dialekten. Um die Analysemöglichkeiten vergleichen zu können, führen wir eine detaillierte Untersuchung dieser Variationen im Kontext allgemeiner Maßangaben und anderen DP-Grenzphänomenen durch.

Der Ausgangspunkt dieses Projekts ist ein neu entdeckter Zusammenhang zwischen Morphosyntax und Semantik. Es ist bekannt, dass bei Mengen- und Maßangaben im Deutschen sowohl eine Genitivkonstruktion „100 Gramm dunkler Schokolade“ als auch eine Appositivkonstruktion „100 Gramm dunkle Schokolade“ möglich ist. Bei relativen Maßangaben zeigen sich aber Unterschiede in der Interpretationen dieser Konstruktionen: Bei der Genitivvariante „30 Prozent der Studierenden arbeiten hier“ geht es um das Verhältnis zwischen den hier arbeitenden Studenten und allen Studenten, wohingegen die Appositivvariante „30 Prozent Studierende arbeiten hier“ eine nicht-konservative Lesart hat, die das Verhältnis zwischen den studentischen Arbeitern und allen Arbeitern betrifft. Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass relative Maßangaben auch in vielen anderen Sprachen diese beiden Lesarten haben können (z. B. im Griechischen, Koreanischen, Tamil). In allen diesen Sprachen erfordert die nicht-konservative Lesart Fokus auf dem zweiten Nomen (im obigen Beispiel auf „Studierende“).

Hauptziel dieses Projekts ist eine Theorie von Maßangaben und der Syntax und Semantik von DPs. Nicht-konservative Lesarten widersprechen einer gut etablierten Generalisierung, dem universalen Konservativitätsprinzip (Keenan & Stavi 1986). Ein Lösungsansatz ist die Annahme, dass nicht-konservative Lesarten eine Syntax-Semantik-Diskrepanz an der DP-Grenze involvieren. Um entscheiden zu können, ob diese Analyse korrekt ist, müssen wir die DP-Grenze allgemein besser verstehen. Dieses Projekt forscht daher auf drei Gebieten: zu den morphosyntaktischen Eigenschaften von Maßangaben, zu den semantischen Eigenschaften von Maßangaben und zu den Eigenschaften von anderen Phänomenen an der DP-Grenze. Untersucht werden das Deutsche, das Griechische und andere europäische Sprachen, sowie Tamil, Koreanisch und Hebräisch; für weitere Sprachen wird ein Fragebogen entwickelt. Das Projekt wird vorwiegend Daten aus Informantenbefragungen verwenden, aber auch Korpora.