Kontext und Sprache: Kontextblindheit bei der Berechnung von skalaren Implikaturen (ConLan)

Skalare Implikaturen sind ein Mechanismus, durch den skalare Sätze, wie die Existenzaussage „Einige Griechen sind Philosophen“, semantisch gestärkt werden über die Negation der entsprechenden stärkeren Alternative, in diesem Fall der Allaussage „Alle Griechen sind Philosophen“. Skalare Implikaturen wurden ursprünglich über ein Konversationsmodell erklärt, aber es haben sich bald andere Analyseansätze entwickelt, darunter strukturalistische Zugänge, die hauptsächlich durch so überraschende Eigenschaften wie Einbettbarkeit motiviert wurden. Vor kurzem wurde ein grammatischer Ansatz vorgeschlagen (Chierchia et al. 2012), der mit einigen Kernannahmen des Konversationsmodells bricht und skalare Implikaturen als rein semantischen Mechanismus ansieht, als Teil der spontanen Logik der Sprache. Dieses Projekt untersucht die theoretischen Grundlagen und die empirischen Eigenschaften des Prinzips der Kontextblindheit, das in bestimmten Varianten des grammatischen Ansatzes angenommen wird (Magri 2009).

Das Prinzip der Kontextblindheit wurde vorgeschlagen, um zu erklären, warum eine skalare Implikatur entstehen kann, auch wenn dadurch ein kontextueller Widerspruch entsteht. Beispielsweise kann gezeigt werden, dass ein Satz wie „Einige Griechen kommen aus einem warmen Land“ semantisch gestärkt wird, über die Negation der alternativen Aussage „Alle Griechen kommen aus einem warmen Land“, auch wenn die beiden Sätze äquivalent sind, berücksichtigt man das kontextuelle Wissen, dass alle Griechen aus dem gleichen Land kommen. Um die beobachtete Negation zu erklären, wird angenommen, dass der Mechanismus blind bezüglich dieser zusätzlichen Information sein muss, also unabhängig von ihr operiert. Das Prinzip der Kontextblindheit wurde häufig kritisiert, meist mit pragmatischen Argumenten. Zum einen wurde angemerkt, dass das Prinzip keine umfassende Erklärung für skalare Implikaturen bieten kann, da nicht klar ist, wie es auf andere Arten von Inferenzen übertragen werden könnte, die ebenfalls überwiegend als skalare Implikaturen verstanden werden, etwa solche, die auf Hirschberg-Skalen basieren. Außerdem wurde kritisiert, dass das Prinzip selbst für Standardbeispiele mit positiven Quantoren ungeeignet sein könnte, da rein logische Relationen nicht ausreichen, um die notwendige asymmetrische Folgerungsbeziehung zwischen den Sätzen abzuleiten.

Dieses Projekt, das teils auf den Ergebnissen eines früheren Projekts zur Stärke von skalaren Inferenzen (The Strength of Scalar Inference, SSI) aufbaut, zielt darauf ab, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, ob eine Verteidigung der Kontextblindheit empirisch haltbar sein könnte und ob ein solcher Ansatz zufriedenstellend in eine Standardtheorie der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle integriert werden könnte. Zuerst wird experimentell untersucht, ob skalare Implikaturen auch generiert werden können, wenn wichtige Informationen, etwa über die Extension des Restriktors oder die Rangordnung der Alternativen, im Kontext nicht vorhanden sind. Anschließend wird die Interaktion von skalaren Implikaturen mit anderen Bedeutungskomponenten wie Präsuppositionen aus theoretischer und formaler Sicht analysiert, um die Verbreitung von Mechanismen der interpretiven Blindheit in natürlichen Sprachen beurteilen zu können.