Nicole Gotzner wird Emmy Noether Nachwuchsgruppe leiten

03.04.2020

Nicole Gotzner hat bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 1,4 Millionen Euro eingeworben, um eine Emmy Noether Nachwuchsgruppe zu leiten. Das Emmy Noether-Programm eröffnet besonders qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.

Im Projekt "Scales in language processing and acquisition: Semantic and pragmatic contributions to implicature computation (SPA)" untersuchen Nicole Gotzner und ihre Forschungsgruppe die Bedeutung skalarer Ausdrücke. Hinter vielen Wörtern verstecken sich Skalen. Ist etwas "groß", könnte es z.B. auch "riesig" sein. Für die Interpretation solcher skalaren Ausdrücke wird Nicole Gotzner und ihr Team ein neues Modell entwickeln. Im Projekt SPA untersuchen sie die mentale Repräsentation skalarer Ausdrücke bei Erwachsenen und wie Kinder überhaupt die Bedeutung dieser Ausdrücke erlernen.

Pragmatische Schlussfolgerungen sind in der Kommunikation zwischen Menschen allgegenwärtig. Damit Kommunikation erfolgreich ist, müssen wir die wörtliche Bedeutung von Äußerungen verstehen, aber auch, welche alternativen Bedeutungen nicht gemeint sind.  Stellen sie sich folgenden Dialog zwischen einem Erwachsenen und einem Kind vor. Der Erwachsene fragt: "Möchtest Du Eis oder Schokolade essen?" und das Kind antwortet: "Beides". Diese Antwort widerspricht der skalaren Implikatur, die typischerweise durch "oder" ausgelöst wird und die Kinder erst mit 7 Jahren vollständig verstehen. Diese skalare Implikatur wird standardmäßig über eine so genannte Hornskala modelliert, also einer Assoziation zwischen dem schwächeren oder und seiner stärkeren Alternative "und" im Lexikon. Wenn ein Sprecher den schwächeren Ausdruck verwendet, kann der Zuhörer daraus schließen, dass die stärkere Alternative nicht gilt. Hornskalen existieren für eine Vielzahl von Ausdrücken, darunter Konnektive (<oder, und>), Quantoren (<einige, alle>) und verschiedene Adjektivtypen (<groß, riesig>, <kühl, kalt>, <möglich, sicher>). Trotz der Allgegenwärtigkeit solcher Skalen in der Sprache ist wenig über ihre kognitive Grundlage bekannt und darüber wie Kinder es lernen, verschiedene Begriffe auf einer Skala zu assoziieren. Implikaturen werden seit langem in der formalen und experimentellen Pragmatik untersucht, doch die Mechanismen, die der Berechnung von Implikaturen zugrunde liegen, sind immer noch Gegenstand kontroverser Debatten.

Das Projekt SPA wird ein neues Licht auf langjährige Debatten über die Beschaffenheit von Hornskalen und Alternativen werfen, indem es eine große Anzahl solcher Ausdrücke in der Sprachverarbeitung und im Spracherwerb untersucht. Das übergreifende Ziel ist die Entwicklung eines neuen Modells von Skalen und Implikaturen, welches die Variabilität solcher Ausdrücke berücksichtigt. Wir werden untersuchen, (a) inwieweit ein einziger Mechanismus, der der Berechnung von Implikaturen zugrunde liegt und (b) welche Arten von Alternativen die Grundlage für deren Berechnung bilden. Der Fokus des Projektes liegt auf der Interpretation von Adjektivskalen liegen, die in der Semantik gut erforscht sind, in der Pragmatik aber noch zu wenig. Wir werden eine Vielzahl psycholinguistischer Methoden sowie probabilistische Modellierung einsetzen, um Erkenntnisse aus der semantischen und pragmatischen Theorie und der Kognitionswissenschaft zu integrieren. Dieses Projekt stellt den ersten groß angelegten Versuch dar, zu testen, wie verschiedene Skalen verarbeitet werden und wie sich semantische und pragmatische Repräsentation von Skalen gemeinsam entwickeln.